Bohnen des Bösen

Der Kapitalismus ist hinüber, nach dem Schuldigen wird gefahndet: Waren es Investmentbanker oder kreditsüchtige Amis? Wissenschaftler legen jetzt einen anderen Schuldigen nahe: den Grande Triple Shot Cappucino.

Manche sagen, das Elend habe 1987 begonnen, irgendwo in Manhattan. Dort zimmerten einige oberschlaue Investmentbanker der Firma Drexel Burnham Lambert das erste Kreditderivat zusammen – die Mutter all jener collateralized debt obligations, die zurzeit die Bilanzen großer Unternehmen im Wochentakt implodieren lassen.

Nun weiß man: Die Katastrophe begann bereits vier Jahre früher, in einer kleinen Mailänder Espressobar. Dort, im Cafe „L’inizio della fine“ machte ein Mann jene folgenschwere Entdeckung, die ein Vierteljahrhundert später das gesamte westliche Wirtschaftssystem zum Einsturz bringen sollte.

Der Mann hieß Howard Schultz und kostete in Mailand seinen ersten gescheiten Espresso. Der Amerikaner kapierte plötzlich, dass Kaffee nicht wie abgestandenes Brackwasser schmecken muss. Nach seiner Rückkehr in die USA erfand Schultz Starbucks, heute der größte Latte-Dealer des Planeten.

Lange schienen Schultz‘ Shops ein Segen für die gesamte Menschheit zu sein. Erstmals gab es überall lauwarmen Kaffee zu überzogenen Preisen. Besonders gestresste Investmentbanker und Wertpapierhändler wussten die belebende Wirkung des kräftigen Gebräus aus Seattle zu schätzen.

Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Eine Studie der Universität Durham hat jetzt aufgedeckt, dass übermäßiger Kaffeekonsum zu Halluzinationen führen kann. Ab der siebten Tasse (330 Milligramm Koffein) fangen Bohnenjunkies an, Dinge zu sehen, die überhaupt nicht vorhanden sind.

Flüssiges Rohypnol im Pappbecher

Sieben Tassen, das klingt nach viel. Ist es aber nicht. Die Durhamer Probanden bekamen nämlich dünnen Filterkaffee verabreicht. Ein Triple-Venti-Cappucino, wie ihn Investmentbanker bevorzugen, hat natürlich deutlich mehr Wumms. Oder anders gesagt: Wenn ein Tässchen Jakobs Krönung einer Aspirin entspricht, dann wirkt ein Eimer von Starbucks wie eine Kurpackung Rohypnol.

Die Merrills und Lehmans kübelten sich täglich vier bis fünf Ventis hinter die Binde, das Äquivalent von 40 bis 50 Tassen normalen Kaffees. Mit dieser Menge Koffein könnte man einen Blauwal vom Wegdösen abhalten. Folglich halluzinierten die Banker drauf los, als hätten sie ein ganzes Löschblatt Sunshine-Acid durchgekaut. Sie erblickten Vermögenswerte, die sonst niemand sah – psychedelische CDOs, trippige Subprime-Hypotheken, abgefahrene Plain Vanilla Swaps.

Wenn man schon nach sieben Tassen blaue Elefanten phantasiert, sieht man nach 50 Bechern natürlich noch viel wahnwitzigeres Zeug: Zum Beispiel Immobilien in Kansas, die ständig im Wert steigen. Oder Anleihen auf abgeklungene Plutonium-Brennstäbe, die ein AAA-Rating aufweisen.

Mit der Zeit wurde der Kaffeekoller zur Gruppenpsychose. Die Banker waren derart mit Tres Rios Costa Rica Bella Vista zugeballert, dass sie begannen, sich ihre Halluzinationen gegenseitig zu verkaufen. Kurz darauf flog uns alles um die Ohren.

Warum stürzt der Kaffeepreis nicht ab?

Das ganze klingt prima facie verrückt, doch das Arabica-Theorem ist über jeden Zweifel erhaben. Das beweist ein Blick auf jene Länder, die von der Finanzkrise am schlimmsten verheert wurden. Die Starbucks-Nation USA? Zerschmettert! Die ständig „Koepi“ süffelnden Südkoreaner? Beim Abdecker! Und womit hielten sich wohl die Isländer während der endlosen Winter warm? Genau, mit viel heißem Macchiato, den sie mit ihren Kaupthing-Kreditkarten bezahlten.

Mutmaßlich kommt demnächst alles noch schlimmer. Denn während sämtliche Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten in den Orkus getrudelt sind, blieb der Preis für Kaffeebohnen an den Terminbörsen stabil. Irgendjemand da draußen säuft also nach wie vor Cappuccino aus viel zu großen Bechern.

Sobald uns der Turbo-Kaffee komplett ruiniert hat, kommen dann die Chinesen und kaufen die Überreste unseres Turbo-Kapitalismus auf. Das plant die Führung der Volksrepublik schon seit langem. Oder warum sonst, fragt man sich, trinken die Chinesen ihren Tee aus ganz kleinen Tassen?

Quelle: http://www.spiegel.de

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~ von abgehoert - Januar 18, 2009.

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